Ullis Outing

Quelle: Tageszeitung, Samstag/Sonntag, 29./30. September 2007 - Nr. 197/15. Jahrgang

Die Freiheitliche Landtagsabgeordnete Ulli Mair bricht ein Tabu: Im Exklusivinterview mit der Südtiroler „Tageszeitung” spricht sie über ihren achtwöchigen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik, über ihr Alkoholproblem und über ihre politische Zukunft.

Tageszeitung: Frau Mair, offiziell waren Sie fast den ganzen Sommer über auf Weiterbildung. Wo waren Sie wirklich?

Ulli Mair (lacht): Es stimmt schon, dass ich auf Weiterbildung war. Es war vielleicht die Schule meines Lebens. Ich war in einer psychosomatischen Klinik in Deutschland, um der Ulli als Mensch zu begegnen und um meinem Alkoholproblem auf den Grund zu gehen. Ich hatte nie ein Problem ohne Alkohol, aber ich hatte ein Problem mit Alkohol. Ich habe vor sechs Monaten kapituliert und eingesehen, dass ich ohne Hilfe das Problem nicht in den Griff bekomme. Mittlerweile habe ich so eine Klarheit über mein Suchtverhalten, dass es mir gut geht.

Worin bestand Ihr Alk-Problem?

Da muss ich weit ausholen. Bereits als Jugendliche habe ich Räusche geliefert, die in meinen Augen für die damalige Zeit normal waren und einfach dazugehört haben, weil ja jeder getrunken hat. Mein Problem war dann irgendwann, dass ich begonnen habe, regelmäßiger zu trinken …

Jeden Tag?

Anfangs habe ich einmal monatlich einen Vollrausch geliefert, und das hat sich dann bis vor sechs Monaten auf einen wöchentlichen Vollrausch gesteigert. Ich habe nicht täglich Alkohol konsumiert. Zwischen einem Vollrausch und dem anderen habe ich überhaupt nichts getrunken, aber wenn ich getrunken habe, dann richtig! Ich wollte nie das Glas Wein, sondern ich wollte die ganze Flasche. Ich wollte mich komplett weg-beamen, habe aber nie verstanden, warum das so ist. Heute weiß ich, dass ich mit dem Trinken sehr viele seelische Verletzungen zugedeckt habe, die für mich nicht mehr präsent waren. Ich habe mich nicht mehr erinnert, dass gewisse Verletzungen in meinem Leben stattgefunden haben. Gefühle wie Angst, Einsamkeit und wahnsinniger Druck, gerade weil ich in der Öffentlichkeit stehe - diese Gefühle habe ich mit Alkohol weggemacht. Ein großes Thema für mich war auch das Funktionieren-Müssen. Ich habe mein ganzes Leben lang funktioniert, so wie es die anderen von mir erwartet haben. Das hat in der Kindheit begonnen, und das war so bis zu meinem Klinikaufenthalt. Für mich war der Alkohol eine Flucht, eine Flucht vor mir selbst, eine Flucht vor meinen Gefühlen, eine Flucht vor meinem Funktionieren-Müssen. Jene, die mich in betrunkenem Zustand erlebt haben, die wissen, wie ich mich aufgeführt habe.

Exzesse?

Ja, das war jenseits von Gut und Böse. Aber ich glaube, das geht vielen Trinkern so: Man will in Gesellschaft das Trinken genießen können. Jeder träumt davon, es sich daheim bei einem Glasl Wein gemütlich zu machen. Das hat auch die Ulli Mair geträumt, nur sind es dann zwei Flaschen geworden. Ich habe mein ganzes Leben lang nie kontrolliert trinken können. Ich habe so viele Räusche gehabt, nach denen ich mir geschworen habe: Das passiert mir nie wieder. Aber es ist mir trotzdem immer wieder passiert. Mir war bis dahin meine ganze Suchtstruktur nicht klar, und ich hatte lange Zeit ein sehr verzerrtes Bild von einem Alkoholiker: Ich habe immer gemeint, ein Alkoholiker sei der, der mit dem Tetrapak Wein auf einer Parkbank sitzt, oder der Bessere, der in der Früh bereits einen Schnaps trinken muss, damit das Zittern aufhört. Ich bezeichne mich mittlerweile als trockene Alkoholikerin, denn das unkontrollierte Trinkverhalten, welches ich hatte, ist ein Zeichen dafür, dass ich Alkoholikerin bin. Ich war, Gott sei Dank, noch nicht körperlich, sehr wohl aber emotional abhängig.

Sie haben heimlich getrunken?

Auch. Um nicht aufzufallen, bin ich z. B. in eine Kellerei gefahren und habe dort Geschenkkartons mit gutem Wein bestellt. Den Wein habe ich dann aber nicht verschenkt, sondern er ist bei mir daheim gelandet.

Sie sind mit 29 Jahren in den Landtag gewählt worden. Wie haben Sie den Tag Ihrer Wahl erlebt?

Ich habe mich für die Partei wahnsinnig gefreut, denn wir waren eigentlich schon totgesagt. Meinungsumfragen hatten uns bei null bis ein Prozent gesehen. Und ich traue mich zu sagen, dass ich maßgeblich daran beteiligt war, den Karren aus der so genannten Rue de la Kack herauszuziehen. Ich habe Freude empfunden, aber mir wurde im selben Moment bewusst, welchem Druck ich ausgesetzt sein würde. Ich bin jung, ich war noch nicht so gefestigt wie andere Abgeordnete, die schon mit beiden Beinen im Berufsleben standen und Familie hatten. Für mich war es natürlich nicht einfach, so schnell Karriere zu machen und im ganzen Land bekannt zu sein. Ohne jetzt anderen Leuten die Schuld geben zu wollen: Als junge, freche Gitsch war ich sicher auch bekannt als eine, die gern ein Glasl trinkt. Gerade wenn man zu Veranstaltungen hingeht, wird man immer wieder aufgefordert: „Trinksch a Glasl!” Für mich war das deswegen schwierig, weil ich mein Problem noch nicht erkannt hatte. Ich habe immer gemeint, ich könnte nur das eine Glasl trinken. Aber aus dem Glasl sind dann viele Glasln geworden. Und irgendwann war die Ulli dann halt außer sich, sie wurde zu jener Ulli, die nicht funktionieren will. Es kam dann der Druck von Wählern, von Nicht-Wählern, die gesagt haben: „So kann sich eine Politikerin nicht aufführen!” Diese Leute hatten natürlich Recht, weil man von einem Politiker erwarten kann, dass er sich als Vorbild aufführt. Ich war beim Thema „Alkohol” sicher kein Vorbild. Ich möchte aber auch betonen, dass Politiker Menschen sind und dass Politiker auch Probleme haben. Ich war eine Meisterin im Verdrängen. Ich war nach außen hin immer die Starke. Bei mir hätte sich niemand gedacht, dass ich auch Probleme habe, über deren Ursachen ich mir erst in den letzten Monaten bewusst geworden bin.

Sie haben von dem enormen Druck gesprochen, den Sie nach Ihrer Wahl verspürt haben. Wie haben Sie diesen Druck konkret erlebt?

Wenn man meine politische Geschichte verfolgt, dann habe ich vor allen Dingen mit sehr, sehr harten Themen für Schlagzeilen gesorgt: Ausländer, jüdischer Gedenkstein usw. Da war eine junge Gitsch, die die Rampensau gespielt und an vorderster Front gebellt, gestoßen und gebissen hat. Diese hat dann aber auch die oft verletzende, mediale Retourkutsche bekommen, und ihr wurde gerade in diesen Situationen bewusst, dass sie nicht nur eine harte Schale, sondern auch einen weichen Kern besitzt.

Ihren weichen Kern haben Sie also nie herausgekehrt?

Nein, weil ich selbst nicht mehr wahrgenommen habe, dass ich einen weichen Kern in mir habe. Es liegt also nur an mir, dass ich die liebevolle Ulli nicht zeigen konnte.

Bereuen Sie Aussagen, die Sie gemacht haben?

In der Form, wie ich gewisse Aussagen gemacht habe, bereue ich sie, ja. Ich stehe aber nach wie vor zu meiner politischen Meinung, und ich stehe zu den Freiheitlichen - auch inhaltlich. Aber der Ton macht die Musik, und ich habe mich oft im Ton vergriffen. Das sind die Dinge, die ich bereue, weil ich mich auch anders äußern kann. Ich muss nicht immer die Harte sein, um mir Gehör zu verschaffen, sondern ich werde in Zukunft noch sachlicher argumentieren. Ich werde sicher noch mehr überlegen, bevor ich mich zu einem heiklen Thema äußere. Und ich werde bei mir selbst nachsehen, bevor ich auf andere Menschen zeige.

Sie meinen die Ausländer?

Ich habe mich auch damit schwer getan, ja. Auf der einen Seite verlange ich, dass sich die Ausländer in diesem Land anpassen und benehmen. Aber auf der anderen Seite hat es die Ulli Mair gegeben, die in betrunkenem Zustand die Letzte war, die wusste, was gutes Benehmen ist.

Wie werden Sie künftig in der Ausländer-Thematik argumentieren?

Sicher sachlicher, aber mit der gleichen Konsequenz! Ich teile die politischen Inhalte meiner Partei, versuche aber jetzt, die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.

Aus welchen?

Z. B. aus einem menschlicheren. Dadurch, dass ich mit mir selbst viel liebevoller umgehe, bin ich ausgeglichener. Ich habe vor nichts mehr Angst, habe keinen Druck mehr.

Die Ulli Mair, so wie wir sie kannten, gibt’s nicht mehr?

Es gibt nicht mehr nur die radikale, extreme Ulli, sondern die Ulli Mair der klaren, ehrlichen Standpunkte, die eben auch mit sich selbst schonungslos ins Gericht geht.

Frau Mair, mit diesem Interview brechen Sie ein Tabu: Es hat noch keine/n Südtiroler Politiker/in gegeben, die/der in aller Öffentlichkeit über persönliche Probleme oder Schwächen gesprochen hat. Haben Sie überlegt, dass dieses Interview für Sie Konsequenzen haben könnte?

Ich bin mir aller Konsequenzen bewusst. Ich bin mir auch bewusst, dass ich viele Menschen mit diesem ehrlichen und offenen Interview vor den Kopf stoße. Insbesondere jene Menschen, die in mir immer nur die Rampensau gesehen haben und diese auch weiter erwarten. Es gibt eben den Menschen Ulli Mair, der auch ein Leben neben Politik und Partei leben möchte. Denn mein Job gefällt mir. Letzten Endes liegt es nicht nur an mir, sondern am Wähler, ob er diese Ulli Mair weiterhin möchte.

Haben Sie während des Klinikaufenthaltes oder danach gedacht, aus der Politik auszusteigen?

Ich habe mir sehr wohl Gedanken über meinen beruflichen Werdegang und meine Zukunft gemacht. Und es wäre das bisher Gesagte alles nichts, wenn ich sagte, ich könnte ohne Politik nicht. Klar kann ich ohne die Politik! Jetzt, wo ich das Leben neu entdeckt habe, wird mir bewusst, dass ich all die Jahre nicht wirklich gelebt habe. Mein Leben hat für mich nach dem Klinikaufenthalt begonnen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich weiterhin politisch tätig sein könnte. Aber wenn es nicht so kommen sollte, dann würde für mich keine Welt zusammenbrechen.

Die Botschaft, die wir heraushören: Entweder nehmen mich die Leute so, wie ich bin … Aber einfach funktionieren, dass will ich nicht mehr …

Genau. Ich habe mein ganzes Leben lang nur funktioniert - so funktioniert, wie es andere von mir erwartet haben. Ich habe diesen Schritt für mich persönlich als Mensch und nicht für die Partei getan. Und ich bin dankbar, dass ich meine Probleme erkannt und gelöst habe.

Machen Sie sich Gedanken darüber, wie die Menschen nach diesem Interview reagieren werden?

Klar! Es wird positive wie negative Reaktionen geben. Für mich ist es überlebensnotwendig, um überhaupt in der Politik weitermachen zu können, dass die Leute wissen, wer ich bin und was mit mir wirklich los war, und ich freue mich auf alle Reaktionen.

Ein Befreiungsschlag?

Ja, das ist für mich ein totaler Befreiungsschlag! Ich habe viele Dinge, die ich nicht mehr wahrgenommen habe, neu entdeckt, und ich weiß jetzt, was mit mir los war, weiß um meine Krankheit, die mich mein ganzes Leben begleiten wird. Ich weiß, dass ich keinen Tropfen mehr trinken darf und schon alleine dadurch ein schöneres, glücklicheres und erfüllteres Leben führen werde.

Eine freie Freiheitliche?

(lacht) Ich bin eine freiheitliche Politikerin, aber richtige Freiheit empfinde ich erst jetzt. Denn ohne Alkohol bin ich wirklich frei, und dieses Gefühl möchte ich jetzt am liebsten in die Welt hinausschreien. Ich kann mir endlich wieder selbst in die Augen schauen und folglich auch jedem anderen. Und ich freue mich schon auf Montag, darauf erleichtert durch die Stadt und nächste Woche in den Landtag zu gehen.

Frau Mair, zu diesem Interview hat Sie Ihr neuer Freund, Martin, begleitet …

Ja. Darüber bin ich glücklich. Er ist meine große Liebe. Ich habe durch ihn sehr viel lernen dürfen, gerade, was meine Lebens-Baustellen anbelangt - vor allen Dingen im seelisch-emotionalen Bereich. Ich lerne täglich von ihm. Für mich ist es einfach schön zu wissen, dass es einen Menschen gibt, dem ich mich bedingungslos, offen und ehrlich anvertrauen kann. Und es ist natürlich schön, wenn ich liebe und auch geliebt werde. Einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich kennt und liebt, wie ich bin, und der mich auch in diesem Schritt unterstützt hat, ist etwas ganz Besonderes.

Keine Angst vor Rückfällen?

Ich bin seit sechs Monaten trocken und werde den Rest meines Lebens keinen Tropfen Alkohol mehr anrühren.

Keine Angst, zu irgendwelchen Veranstaltungen hinzugehen?

Ich werde auch seit meinem Klinikaufenthalt oft angesprochen, und es fällt den Leuten auf, dass ich nichts mehr trinke, weil sie mich anders kennen. Es ist lästig, mich immer wieder rechtfertigen zu müssen, warum ich nichts mehr trinke. Auch deshalb dieses Interview. Dagegen habe ich mich nie rechtfertigen müssen, dass ich so viel getrunken habe. Es gibt Leute, die den Hut vor mir ziehen, die mich respektieren und die sich mit mir freuen, dass ich diesen Schritt gewagt habe, und es ist keine Schande, am Boden zu liegen, denn eine Schande wäre, nicht wieder aufzustehen. Was mir auffällt, und das finde ich schade, ist, dass das engste Umfeld von mir nicht so recht weiß, wie es mit mir und diesem Thema umgehen soll. Dadurch habe ich den Eindruck, dass jetzt einige Schwierigkeiten mit dieser Ulli Mair haben könnten, aber ich bin davon überzeugt, dass wir einen Weg finden werden.

Wie war es für Sie, als etwa im Landtag zum Thema „Alkohol” oder „Jugendalkoholismus” debattiert wurde?

Ja, das war für mich immer eine der schwierigsten Situationen, und ich bin da sehr kleinlaut geworden. Die Ulli, die man sonst kannte und die überall ihren Senf dazugibt, war plötzlich sehr still. Ich habe einen inneren Kampf mit mir ausgetragen, und mir ging es in diesen Stunden im Landtag immer sehr, sehr schlecht. Ich habe mich geschämt, mich unwohl gefühlt, ich war nervös, weil ich immer diese Angst hatte …

Angst wovor?

Ich habe die letzten vier Jahre permanent in Angst gelebt: Wann kommt öffentlich dieses Thema? Wann kommt die Alkoholgeschichte der Ulli Mair?

Sie hatten Angst, dass eine Zeitung das Thema bringt?

Ja, das war meine Angst. Ich habe mich bei Pressekonferenzen unwohl gefühlt, den Journalisten in die Augen gesehen und mir gedacht (lacht): „Ihr feigen Hunde, wann schlagt ihr endlich zu?”

Sie hätten sich eine solche Enthüllungsgeschichte gewünscht?

Irgendwie schon, weil ich damals noch nicht erkannt hatte, dass ich selbst den ersten Schritt machen muss. Aber ich war immer in Angst: Wann kommt diese Geschichte?

Welcher war der Punkt, an dem Sie gesagt haben: „UIli, du musst etwas tun!”?

Sowohl gute Freunde innerhalb der Partei als auch meine Familie und engste Freunde haben mich immer wieder auf mein Trinkverhalten angesprochen. Aber solange man selbst nicht einsieht, dass man ein Problem hat, sind alle gut gemeinten Ratschläge und Worte zwecklos. Denn die gingen auch bei mir zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Es hat sogar dazu geführt, dass ich mich in meiner Intimität verletzt gefühlt habe. Ich habe mir gedacht: „So, jetzt kommt mir dieser Mensch zu nahe mit diesem Thema. Das ist meine Sache, und das geht ihn nichts an!” Ich kann selbst nicht sagen, was genau vorgefallen ist. Ein erster Schritt war, dass ich mir Hilfe bei einer Therapeutin gesucht habe. Aber die endgültige Einsicht kam irgendwann einmal in der Früh, als ich aufgestanden bin und mir gesagt habe: „So, jetzt ist es an der Zeit, dass du etwas für dich tust, dass du dich ernst nimmst.” An diesem Tag wusste ich: Ich muss in eine Klinik und mein Leben wieder auf die Reihe bekommen - wobei ich dazusagen muss, dass ich vorher schon monate- lang trocken war.

Die Ulli Mair, die wir gekannt haben, war eine einsame Seele?

Ja, Einsamkeit war ein sehr großes Thema in meinem Leben. Ich war jung, hatte viele Leute um mich herum, und ich habe es immer perfekt verstanden, mich so zu geben, wie das von mir erwartet wurde. Ich habe mich nie geöffnet, habe nie über mich und mein Innerstes gesprochen. Über alles konnte ich sprechen, über Gott und die Welt, ganz besonders über andere Leute, aber nicht über mich. So wurde ich in meinen vielen Sprechstunden mit den Problemen anderer Menschen konfrontiert. Ich habe erkannt, dass es in Südtirol sehr viel Armut und Ungerechtigkeit gibt, dass Leute wirklich am Ende sind, und ich bin ein sensibler Typ, habe alles viel zu nah an mich herangelassen und dabei meine eigenen Probleme zurückgenommen. Das war natürlich ungesund. Ich werde auch weiterhin helfen, wo ich kann. Aber ich muss dabei auch auf mich und meine eigenen Probleme achten.

Aus der Rampensau wird die Sensible?

Ich wünsche mir, dass ich auch in meine politische Tätigkeit mehr Gefühle einfließen lassen kann. Und ich werde zu mir selbst stehen, denn ich weiß jetzt, dass ich gut bin, so wie ich eben bin.

Was werden Ihre Landtagskollegen nach diesem Interview sagen?

Das ist eine gute Frage. Wir haben nächste Woche Landtag, ich bin gespannt auf die Reaktionen. Wir hatten ja bereits eine Landtagssitzung nach meinem Klinikaufenthalt. Ich wurde von sehr vielen Kollegen - besonders aus SVP-Reihen - angesprochen, was denn mit mir los sei. Ich hätte mich so verändert, ich sei so guter Laune, ich strahlte. Ich wünsche mir und spüre bereits, dass viele meiner Kollegen im Landtag diesen Schritt akzeptieren werden.

Es ist nicht nur in der Politik, sondern in der Südtiroler Gesellschaft noch vielfach ein Tabu, über Probleme, insbesondere über intime oder psychische Probleme, offen zu reden. Glauben Sie, dass Ihr Outing dazu beitragen kann, dass sich die Menschen öffnen und sich nicht mehr schämen zuzugeben, ein Problem zu haben?

Ich würde mich sehr darüber freuen. Aber es liegt nicht an mir, andere Leute auf ihre persönlichen, privaten Probleme aufmerksam zu machen. Da muss jeder bei sich selbst nachspüren.

Sie könnten für viele Menschen eine Ansprechpartnerin werden

Das würde ich mir wünschen, ja - insbesondere auch für junge Leute. Es ist so, dass z. B. Depressionen die Volkskrankheit Nummer eins sind. Wir stehen hier nicht ohne Grund mit an der Spitze, was die Selbstmordrate angeht. Leider ist es immer noch so, dass man die Depressionen hat, aber nicht offen über diese sprechen kann. Das ist schade, insbesondere weil so viele Menschen davon betroffen sind und Angst haben, sich sogar engsten Freunden anzuvertrauen. In diesen Bereichen und auch zum Thema „Alkohol” sollte es endlich keine Tabus mehr geben.

Sie wollen jetzt Vorbild sein?

Ja, das würde ich mir wünschen. Wenn man es schafft, die eigenen Probleme zu erkennen und diese in den Griff zu bekommen, dann bin ich davon überzeugt, dass man eine Vorbildfunktion haben kann. In puncto Alkohol war ich früher sicher kein Vorbild.

Kandidieren Sie im nächsten Jahr wieder?

So, wie es jetzt aussieht, werde ich auf jeden Fall wieder kandidieren.

Letzte Frage: Wie fühlen Sie sich nach diesem Interview?

(lacht) Ich fühle mich wie neugeboren und habe mich der letzten Last, die ich noch mit mir herumgetragen habe, entledigt. Es tut gut, wenn ich auch so heikle, persönliche Probleme offen aussprechen kann. Ich fühle mich befreit und stark wie nie zuvor.

Frau Mair, vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Artur Oberhofer